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Gewitter (Diese beschissene Lücke)

Summary:

Rosa sitzt im Gewitter und vermisst Jan.
Faber sitzt neben Rosa.

Notes:

Kam irgendwie auf diese Idee, als ich gestern im Innenhof von Besties Wohnheim saß und ein Gewitter vorbeigezogen ist.
Ein Teil bzw. umgeändertes Zitat davon stammt aber aus dem Film „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“.

Work Text:

„Frau Herzog?“

Rosa hört ihn, aber reagieren kann sie nicht. Sie sitzt auf der Bank im Hinterhof des Präsidiums zwischen zwei alten Kastanien und zittert nicht mal mehr, wenn ihr der Wind ins Gesicht pustet. Heute Mittag hatte es noch dreißig Grad. Jetzt, nur etwa fünf Stunden später, sind es vielleicht noch zwanzig. Anfühlen tun sie sich aber wie fünfzehn wegen dem Wind, der schon jetzt erste Regentropfen in Rosas Gesicht trägt. In der Ferne grollt leise der Donner. Da braut sich was zusammen. 

„Wollen‘Se nicht reingehen? Regnet bestimmt gleich.“

Fabers Stimme kommt näher, genau wie der Donner. Nur, dass es bei Faber schneller geht. Sie hört, wie seine schmutzigen Lederturnschuhe über das Kopfsteinpflaster schlurfen. Sein Parka raschelt leise, leiser als die Kastanienblätter im Wind. 

„Hallo-ho? Frau Herzog?“

Jetzt steht er hinter ihr. Es riecht nach Kaffee und dem Eigengeruch seines Parkas. Anfangs befremdlich, mittlerweile vertraut. Trotzdem kann Rosa noch nicht mal den Kopf heben. Sie starrt gleichgültig vor sich hin, das Kinn nur leicht Richtung Himmel gestreckt. Den Kopf auf den Händen und die Ellbogen auf den Knien. 

Vor ihr ein Gebäudekomplex des Präsidiums, eine Hecke, eine Straßenlaterne, der wolkenverhangene Himmel, Faber. 

Ist über die Bank drüber gestiegen und jetzt schaut er ihr direkt ins Gesicht. Als er den Mund öffnet, ist seine Stimme sanfter. Weniger penetrant.

„Rosa?“

Sie bricht innerlich jedes Mal ein, wenn er sie so nennt. Heute auch äußerlich. Ein paar Tränen schießen ihr in die Augen, sie schlägt die Wimpern nieder, damit er‘s nicht sieht. 

Hätte sie sich sparen können, Faber sieht alles. Er seufzt leise, lässt sie Schultern hängen, seine Unterlippe zuckt kaum merklich. Dann setzt er sich neben sie auf die Bank, seufzt nochmal leise. „Wegen Pösken?“

Sie will fast bejahen. Würde er sie zu jeder anderen Zeit fragen, wäre es wegen Otto. Oder wegen Gabor. Wegen Haller. Aber nicht diesmal, nicht heute. „Nein“, flüstert sie und ihre Stimme ist ganz heiser dabei, „wegen Pawlak.“

Keine Ahnung, warum sie seinen Namen nicht mehr sagen kann. Er war nie Pawlak für sie, er war immer Jan, von Anfang an. Vielleicht fällt es ihr deshalb leichter, ihn Pawlak zu nennen, seit er weg ist. Pawlak tut weniger weh. Pawlak hat ihr nicht so weh getan. Das war Jan. 

Faber neben ihr nickt langsam, fast bedächtig. Er rutscht auf seinem Platz hin und her, erst näher zu ihr, dann weiter von ihr weg. Aber nur, damit er sie besser ansehen kann. „Erinnern Sie sich noch dran, als ich gesagt hab, Sie können immer zu mir kommen… mit mir über alles reden?“

Rosas ganzer Körper spannt sich an. Sie nickt kaum merklich. 

„Das gilt auch dafür… für Jan.“

Dass er seinen Namen sagt, lässt Rosa aus ihrer Starre freibrechen. Sie reißt den Kopf hoch, starrt Faber an. Er hat immer Pawlak gesagt. Ihm ist es egal gewesen, dass Jan eines Morgens einfach nicht mehr da war. Oder er hat nur so getan. Das hat Rosa sich lange einzureden versucht, weil sie nicht glauben hat wollen, dass Faber so abgebrüht ist. Irgendwann hat sie‘s dann aufgegeben. Darüber gesprochen haben sie nie. Nochmal gefragt, ob er was von Jan gehört hat, hat Rosa nach dem einen Mal auch nicht mehr. 

„Ehrlich?“ fragt Rosa nach viel zu langem Schweigen. 

Faber ist sofort wieder bei ihr. „Ehrlich.“

Rosa nickt, erst dankbar, dann einfach nur noch um des Nickens Willen. Damit sie irgendwas tun kann. Damit sie nicht wieder in die Regungslosigkeit verfällt, sich von der Welt abschottet. Faber wartet. Er sieht sie nicht mehr an, harrt nur stumm neben ihr aus. Ab und an ein Seitenblick, um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist. 

Ist sie nicht, nicht wirklich. Ein Teil von ihr ist bei Jan. Schon seit er weg ist, um ehrlich zu sein. Diesen Teil wird sie nie wieder zurückkriegen. 

„Ich hab… ich hab nichts mehr von ihm gehört, falls das die Frage ist“, sagt Faber irgendwann aus dem Nichts. „Ich hab mich umgehört vor ‘ner Weile, hab paar alte Kontakte spielen lassen. Aber nichts.“

Rosa weiß nicht, ob sie ihm das glauben kann. Ein Teil in ihr glaubt, dass Faber sie anlügt. Zu ihrem eigenen Schutz. Dass er weiß, dass Jan irgendwo im Knast sitzt oder ihm noch schlimmeres passiert ist, aber es ihr nicht sagt, weil er auch weiß, was sie dann macht. Andererseits glaubt sie auch, Faber gut genug zu kennen, um zu wissen, dass er sie niemals anlügen würde. Er würd‘s ihr sagen, wenn er was wüsste. Spätestens jetzt. 

„Vielleicht ist‘s besser so“, hört sich Rosa sagen, „dass wir nichts wissen.“

Faber runzelt die Stirn. „Meinen‘Se das ernst?“

Rosa will Ja-sagen, aber der Versuch scheitert krachend. Schon wieder schießen ihr Tränen in die Augen, sie schüttelt den Kopf und wischt sich energisch über die Augen. So als könnte sie dann den Schmerz wegwischen. Aber das kann sie nicht, das wird sie nie können. Diese Wunde, die Jans Fortgang in ihr Sein gerissen hat, heilt nicht. Sie klafft, blutet, eitert. Und wenn sie doch mal zuheilt, kratzt Rosa die Kruste wieder ab. Sie will gar nicht heilen von dem, was passiert ist. Solange es weh tut, ist Jan noch da. Irgendwie, ein ganz kleines Bisschen in ihrem Bewusstsein. Wenn der Schmerz Rosa zerfrisst, ist Jan so nah bei ihr wie er es nie wieder sein wird. Vielleicht sogar so nah wie er es nie gewesen ist.

Deshalb muss der Schmerz bleiben. Die Wunde. Die Lücke.

Ach diese Lücke, diese beschissene Lücke.

„Sitzen Sie deshalb auch auf seinem Platz? Weil‘s besser ist, wenn er weg ist?“ Rosa zuckt zusammen. Faber weiß es, weiß um die Lücke, die sie nicht zu füllen, sondern freizuhalten versucht. 

„Nein, ich…“ ringt sie verzweifelt mit sich, doch die richtigen Worte findet sie wohl nie, weil er gar keine gibt. 

Faber drückt bestärkend sein Knie gegen ihrs. „Als er weg war, sind‘Se zwei Tage auf seinem alten Platz gesessen. Und dann wieder in Martinas Büro. Warum?“

„Weil ich‘s nicht ausgehalten hab“, keucht sie, während sich ihr die Kehle zuschnürt. „Ich konnt nicht dauernd auf diese scheiß Lücke starren.“

„Hm“, macht Faber, „und jetzt sitzen‘Se auf Jans Platz. Warum?“

„Weil‘s besser is‘, wenn ich auf seinem Platz sitze. Dann seh ich nicht, dass er leer ist. Dann seh ich nur meinen leeren Platz… und frag mich, wo ich hin bin.“  

„Aber das heißt… jetzt sind Sie die Lücke, Rosa. Kann das denn so gesund sein?“ Er spricht so sanft und Rosa fühlt sich trotzdem, als würde er sie mit seinen Worten innerlich zerfleischen. Sie ist das Rehkitz, die Wahrheit der Wolf. 

Rosas Stimme zittert wie die Blätter im Wind. „Nein, ist‘s n-nicht, a-aber…“ - hilfesuchend schaut sie zu Faber, erkennt ihn kaum durch den Tränenschleier vor ihren Augen - „aber was soll ich denn m-machen? Fuck, ich rauch sogar wegen ihm. W-weil ich d-dachte, dann fühlt‘s sich an, als wär er da!“ Unter Tränen und mit klammen, bebenden Fingern zieht sie eine angebrochene Zigarettenschachtel aus ihrer Tasche und schleudert sie auf den nassen Boden.

Faber bückt sich, hebt die Schachtel auf und legt sie zwischen sie beide. „Und?“ fragt er sanft. „Wie fühlt es sich an?“

„So scheiße einsam“, flüstert sie, „jede Kippe, jeder Kaffee im Präsidium, jede Panikattacke, jede Nacht, in der ich nicht schlafen kann, ist so scheiße einsam.“ 

Über ihr verdunkelt sich der Himmel, der Wind braucht die Regentropfen nicht mehr tragen, sie fallen jetzt aus den dunklen Wolken über Rosas Kopf direkt auf sie nieder. Und Rosa fühlt sich auch als würde sie fallen, obwohl es nur ihre Tränen sind und ihr Kopf in ihre Hände.

Faber rutscht dichter an sie heran, legt eine Hand auf ihren Rücken, genau zwischen ihre Schulterblätter, und streichelt mit dem Daumen über ihre Jacke. 

Rosa sinkt immer tiefer - mit dem Gesicht in ihre Hände und in sich zusammen. Bis Faber beide Arme um sie legen und sie festhalten muss, weil sie sonst zu Boden sinkt. 

„Ich vermiss ihn so.“

„Ich weiß.“

Das Unwetter wird stärker, der Wind rauscht unbarmherzig durch die Blätter, das Donnergrollen wird lauter. Grund genug eigentlich für Faber, sie nochmal zu überreden, nach drinnen zu gehen. Aber er schweigt, sitzt stoisch neben ihr und hält sie fest. Trotzt den Unwetter, während sie in seinen Armen selber dazu wird. 

Rosa sieht nur noch schwarz, ihre Wangen sind nass, sie kriegt kaum Luft. Als sie den Kopf ein wenig hebt, über den braunen Stoff von Fabers Ärmel schaut, sieht sie in der Ferne am grau-blauen Horizont die Blitzen zucken. Das grelle Licht brennt sich in ihre Netzhaut und der Schmerz von Jans Verlust brennt sich tiefer in ihr Herz. 

Bis alles reißt. 

Zerrissen wird.

Die Naht von Fabers Parka an der Schulter von Rosas klammernden Fingern. Die Wortlosigkeit von Rosas Schluchzen. Der Himmel vom nächsten Blitz. Rosas Herz vom Schmerz. 

Sie lässt sich wieder fallen, fällt nicht wie sie es sich so sehr wünscht in Jans Arme, dafür in Fabers. Und der fängt sie auf. Nicht so wie Jan es könnte, aber er fängt sie. Ihre Nase streift nassen Stoff, als ihr Gesicht an der Stelle auf seinem Arm zum liegen kommt, wo sie eben schon seinen Parka vollgeweint hat. 

„Lassen Sie‘s ruhig alles raus“, murmelt Faber leise, während seine Hand gleichmäßig über Rosas Rücken streicht. Sie blinzelt müde zu ihm hoch. Der Regen rinnt über Fabers Gesicht, hat seine Haare und Schultern durchnässt, während seine Arme Rosa davor abschirmen so gut es geht. Vor diesem Gewitter kann er sie beschützen. Vor dem Gewitter in ihr drin nicht.

Der Himmel verdunkelt sich so sehr, dass er fast schwarz scheint. Der Regen fällt nicht mehr in Tropfen, sondern bricht in dünnen Silberfäden auf die Erde nieder. Die Kastanienbäume ächzen unter der Gewalt des Winds, der nicht länger Wind, sondern Sturm ist. Und Faber hält all dem noch immer stand, hält Rosa noch immer fest, die von dem Unwetter jenseits Fabers Umarmung kaum etwas mitbekommt. Was in ihrem Herzen tobt, ist so viel grausamer, flutet ganze Städte, reißt Hochhäuser nieder, zerrüttet alles, was Rosa noch ist. Es ist sowieso nicht mehr viel.

In Fabers Armen geht die Welt unter und um ihn herum auch und dennoch sitzt er hier so unerschütterlich. Er hat seinen Parka ausgezogen und Rosa damit zugedeckt, nimmt bereitwillig in Kauf, dass er bis auf die Knochen nass wird, wenn Rosa dafür unberührt vom Unwetter hier draußen bleibt.

Bis zur Nasenspitze reicht ihr sein Parka, das warme Innenfutter an seiner Wange, ist neben seiner Hand auf ihrer Schulter gerade das einzig schöne auf dieser Welt. 

„Wissen Sie eigentlich, dass ich früher immer Angst vor Gewittern hatte?“ flüstert Rosa, ohne Fabers Blick zu suchen. Sie sagt es einfach in den Sturm hinein und vertraut darauf, dass er sie hören wird.

Fabers Stimme ist heiser. Er muss sich räuspern, bevor er überhaupt richtig sprechen kann. „Wieso… wieso jetzt nicht mehr?“

Die Antwort geht ihr leichter von den Lippen, als sie gedacht hat, doch weniger weh tut sie deswegen nicht. „Wegen Jan“, flüstert Rosa und macht die Augen zu. 

 

„Rosachen?“

Jans Finger streifen sacht ihre Schulter, als er sich neben sie auf die Bank setzt „Alles okay?“ Eine Antwort erhält er nicht von ihr, aber das braucht er nicht. Er kennt sie gut genug, um sie auch ohne Worte zu verstehen. „Das Gewitter, hm?“

Rosa nickt. 

„Hast du Angst?“

Sie nickt wieder, starrt hoch in den Himmel, der sich mit jeder Sekunde verdunkelt. Am Horizont zucken die ersten Blicke.

„Musst du nicht.“

Jan zieht sich seinen Hoodie über den Kopf und hält ihn Rosa hin. Fragend schaut sie ihn an. „Wozu?“

„Einkuscheln. Hilft gegen Angst.“

Fast kann sie lächeln. „Danke.“ Sein Hoodie ist warm und riecht nach ihm, das hilft. Sie rückt dichter an Jan, lehnt ihren Kopf an seine Schulter. 

Als der erste Donner grollt, legt Jan sofort beide Arme um Rosa und streichelt mit seinen Händen über Schultern und Rücken. In seinen Augen spiegeln sich die Regenwolken, während ein paar erste Tropfen auf die Erde fallen. Rosa zittert, Jan reibt liebevoll ihren Rücken, als sie sich bei ihm verkriecht.

„Das zieht vorbei.“

„Sicher?“ flüstert sie in sein Shirt.

„Ganz sicher“, verspricht er. „Brauchst keine Angst haben.“

„Okay“, haucht Rosa, drückt ihr Gesicht an se

ine Schulter, schließt die Arme fester um ihn und macht die Augen zu.